Pfitzner im Berliner Kulturleben der Kaiserzeit


Zum ersten Mal stellte sich Pfitzner dem Berliner Publikum mit seinem Konzert in der Singakademie vom Donnerstag, den 4. Mai 1893 vor. Es wirkten mit die Berliner Philharmoniker, die Gesangssolisten Helene Lieban-Globig (1866-1919) sowie Max Büttner (1857-1927) vom Hoftheater in Coburg, der russische Pianist Ernst Jedliczka (1855-1904) und der Cellist Heinrich Kiefer (1867-1922), Pfitzners Freund vom Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt. Auf dem Programm standen Ausschnitte aus der Musik zu Ibsens „Das Fest auf Solhaug“, Dietrichs Erzählung aus dem „Armen Heinrich“, die Cello-Sonate op. 1, die Ballade „Herr Oluf“, Lieder und abschließend das Scherzo für Orchester. Der ungemein große Erfolg des Konzertes und die Begabung Pfitzners wurden von den Rezensionen der Berliner wie auch der auswärtigen Presse durchwegs bestätigt; weitere Konsequenzen ergaben sich für das Berliner Musikleben aber vorerst nicht. Einen Erfolg umzumünzen oder auszuschlachten, war nie Pfitzners Stärke.

Vom 1. September 1897 bis zum 31. August 1907 wirkte Pfitzner als Klavier– und Theorielehrer am Stern’schen Konservatorium in Berlin, das unter der Leitung von Gustav Holländer stand. Die Anstellung an dieser fachlich hervorragend ausgewiesenen privaten Musikschule versetzte Pfitzner – nach der finanziell unergiebigen unbezahlten Kapellmeisterstelle in Mainz – in die Lage, einen eigenen Hausstand zu gründen und seine wachsende Familie durchzubringen. Allerdings war seine gesellschaftliche und finanzielle Stellung nicht mit den Positionen zu vergleichen, welche komponierenden Hofoperndirektoren oder Hofkapellmeistern wie Richard Strauss (Berlin 1898-1918, Wien 1919-1924), Gustav Mahler (Wien 1897-1907), Felix von Weingartner (Berlin (1891- 1898, Wien 1908-1911, 1935-1936), Max Schillings (Stuttgart 1908-1918, Berlin 1919-1925) oder Max Reger (Meiningen 1911-1914) bekleideten. Pfitzners Lebensumstände waren von einem wenn nicht gerade proletarischen, so doch kleinbürgerlichen Zuschnitt – darin etwa jenen von Arnold Schönberg vergleichbar, den Hans Eisler einen „Kleinbürger ganz entsetzlicher Art“ nannte. Die damit verbundene ständige Sorge um den Lebensunterhalt und der Eindruck, von den staatlichen Institutionen nicht genügend beachtet zu werden, sollten seinen ganzen weiteren Lebensweg begleiten und seine Handlungen beeinflussen. Dabei ist aber eine Formulierung von Theodor W. Adorno in der „Philosophie der neuen Musik“ zu bedenken: „Demgegenüber ist die Klassenzugehörigkeit der einzelnen Komponisten, oder gar deren Zuordnung als klein- oder großbürgerlich, so gleichgültig, wie wenn man etwas über die Essenz der neuen Musik aus der gesellschaftlichen Rezeption ablesen wollte. Vollends die privaten politischen Gesinnungen der Autoren stehen meist mit dem Gehalt der Werke bloß im zufälligsten und unmaßgeblichsten Zusammenhang.“ Kompositorisch war Pfitzners Berliner Zeit ungemein fruchtbar und erfüllt; in ihr entstanden die Lieder op. 10, 11, 15, 18, 19, 21 und 22 sowie „Untreu und Trost“ und „Die Heinzelmännchen“, das Streichquartett D-Dur, die Musik zum „Käthchen von Heilbronn“, der „Gesang der Barden“ aus Kleists „Hermannsschlacht“, die Chorwerke „Columbus“ und „Rundgesang zum Neujahrsfest 1901“ und vor allem die Opern „Die Rose vom Liebesgarten“ und „Das Christ-Elflein“. Dieses Weihnachtsmärchen auf einen Text von Ilse von Stach (1879-1941) eignete Pfitzner „Seinem lieben Freunde Willy Levin“ zu. Levin (1860-1926), Besitzer eines großen Berliner Konfektionshauses, war vielen Künstlern – Strauss widmete ihm seine „Elektra“ - ein verlässlicher, treuer Mäzen und Gastgeber. Durch finanzielle Unterstützung und Vermittlung wertvoller Kontakte etwa mit dem Verleger Fürstner hat er Pfitzners wirtschaftliche Schwierigkeiten großzügig gelindert.

Neben seinem Lehrauftrag wirkte Pfitzner von 1903 bis 1905 als erster Kapellmeister am „Theater des Westens“ in der Kantstraße 12 in Charlottenburg, einem 1896 eröffneten Privattheater unter der Direktion von Aloys Prasch, das dem Architekten Bernhard Sehring gehörte. Als Kapellmeisterkollege war Hermann Büchel mit Pfitzner freundschaftlich verbunden: er verfasste den Klavierauszug zu zwei Händen des „Armen Heinrich“ und des „Käthchen von Heilbronn“. Trotz der anfänglich (1902) sehr beschränkten Orchesterbesetzung von 41 Mitgliedern –1905 umfasste sie, nach Pfitzners von Strauss und Schillings gutachtlich bekräftigten Forderungen immerhin 54 Mitglieder - blickte Pfitzner später mit Genugtuung auf die Produktionen von Wolf-Ferraris „Die neugierigen Frauen“ und Marschners „Der Templer und die Jüdin“ in eigener Bearbeitung zurück. Auch das Münchner Kaim-Orchester, das Pfitzner ab 1905 dirigierte, war keine staatliche, sondern eine private Einrichtung. Erst mit der Berufung als Leiter des Konservatoriums, der Sinfoniekonzerte und dann auch der Oper nach Straßburg wurde Pfitzner 1908 endlich eine größere Wirkungsstätte geboten, seiner „ersten souveränen, selbständigen und gut bezahlten Stellung“ (bis 1918) - aber bürgerlich geprägt war auch dieser Höhepunkt von Pfitzners Karriere: Stadttheater, Konservatorium und Konzerte waren städtische, nicht kaiserliche Einrichtungen.

Die künstlerischen Beziehungen Pfitzners zur Berliner Hofoper waren sehr distanziert. Gewiss besuchte er das Opernhaus unter den Linden, um Neuheiten kennen zu lernen, was aber bei deren „streng konservativem Charakter“ nicht oft der Fall sein konnte; von Uraufführungen an diesem Institut sind aus der Regierungszeit Wilhelm II nur Kienzls „Evangelimann“ (1895) und Leoncavallos „Der Roland von Berlin“ (1904) der Erwähnung wert. Letztere hat Pfitzner im Kapitel „König und Sänger“ seiner „Eindrücke und Bilder meines Lebens“ kritisch schneidend abgefertigt. Herzliche Freundschaft verband ihn dagegen mit einigen Sängern dieses Institutes, namentlich mit Ernst Kraus (1863-1941), dem berühmten Bayreuther Siegmund und Siegfried und Widmungsträger der „Studentenfahrt“ und der „Rose vom Liebesgarten“, für deren Druckkosten er aufkam, aber auch mit Julius Lieban (1857-1940) und dessen Gattin Helene Lieban-Globig, der die Lieder op. 2 gewidmet waren. Kraus kam 1898 an die Hofoper; seinem Betreiben verdankte Pfitzner, der mit ihm korrepetierte, die Aufführung des „Armen Heinrich“ am 19. und 22. Dezember 1900 und am 5. Januar 1901 unter Bruno Walter. Die Resonanz dieser wenigen Aufführungen um Weihnachten war dermaßen gering, dass die Zeittafel im vierten Band von Pfitzners Schriften (Tutzing 1987) diese Aufführungen für gar nicht stattgefunden hält und sie der Münchner Hofoper zuschreibt.

Ähnlich enttäuschend verlief für Pfitzner das Konzert vom 19. März 1900 mit dem Philharmonischen Orchester und Ernst Kraus, Anton Sistermans (1865-1926, Widmungsträger der Lieder op. 9) und Alexander Heinemann (1873-1919) im großen Saal der Philharmonie, in dem das Vorspiel zu „Rose vom Liebesgarten“ von der Kritik eine vernichtende Abfuhr erlitt. Es war zwischen die von Richard Strauss dirigierten Symphonischen Dichtungen „Tod und Verklärung“ und „Ein Heldenleben“ platziert.

Weniger belastete Beziehungen pflegte Pfitzner mit dem Königlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Zwar bemängelte er den äußerst konservativen, rückständigen Spielplan, anerkannte und schätzte aber die ausgezeichnete Qualität der Klassiker-Aufführungen, die er oft mit seiner Frau besuchte und so die für einen Dramatiker unerlässliche praktische Bühnenkenntnis erwarb, die im „Palestrina“ Früchte trug. Doch an eine aktive Betätigung Pfitzners bei den Königlichen Schauspielen war natürlich nicht zu denken – im Gegensatz zu Privatbühnen mit fortschrittlicheren Spielplänen, modernerer Ästhetik und oppositioneller politischer Ausrichtung.

Dem Historismus der Königlichen Schauspiele stellte der von Otto Brahm bis 1893 geleitete Verein „Freie Bühne“ seit der Uraufführung von Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ 1889 das Theater des Naturalismus, insbesondere durch Werke von Hauptmann und Ibsen gegenüber. Das „Deutsche Theater“ in der Schumannstrasse 13a stand von 1894 bis 1904 unter der Direktion von Brahm; dort sahen Hans und Mimi Pfitzner fast alle Stücke von Ibsen. Zu einer Aufführung von „Das Fest auf Solhaug“ mit seiner bereits 1890 komponierten Musik kam es allerdings aus rechtlichen Gründen (Übersetzung) nicht – aber in einer Ibsen-Feier der Freien Bühne zum 70. Geburtstag am 20. März 1898 trugen Emilie Herzog (1859-1923, ihr war das Lied „Gretel“ gewidmet) , Helene Lieban-Globig und Julius Lieban zusammen mit Pfitzner u.a. Ausschnitte aus der „Solhaug“-Bühnenmusik vor.

Anders als die Freien Bühnen verstanden sich die Volksbühnen nicht nur als Pflegestätten für literarische Neuheiten, sondern auch als soziale Körperschaften, die Minderbemittelten den Zugang zu klassischen und modernen Werken bieten wollten. Für den preußischen Staat galten sie unzweifelhaft als politisch und wurden damit als staatsgefährdend betrachtet und entsprechend mit Verboten und Vorschriften drangsaliert. Pflegte die „Freie Volksbühne“ mit kollektivistischen Tendenzen Beziehungen zur Sozialdemokratie, so fühlte sich Pfitzner mehr zum Verein „Neue freie Volksbühne“ hingezogen, dessen Individualismus anarchistischer Prägung seinem selbstverantwortlichen Wesen besser entsprach. Der Verein mit dem Motto „Die Kunst dem Volke“ umfasste 1905 um 5500 Mitglieder; Vorsitzende waren Dr. Ludwig Jacobowski – Dichter der Lieder „Ich aber weiß“ (1901) und „Leuchtende Tage“ (1931) - und Dr. Bruno Wille, Initiant des Friedrichshagener Dichterkreises mit Karl Bleibtreu, Heinrich und Julius Hart, Arno Holz, Gerhart Hauptmann, John Henry Mackay und Wilhelm Bölsche. Spielleiter war Friedrich Moest, ein guter persönlicher Freund Pfitzners. Richtungsbestimmend wirkte auch Gustav Landauer, der Anarchist, der 1919 in der ersten Münchner Räterepublk als Volksbeauftragter für Volksaufkärung mitwirkte und am 2. Mai 1919 in Stadelheim von den Gegenrevolutionären umgebracht wurde. Durchaus als gesellschaftspolitisches Engagement ist die Mitwirkung Pfitzners am von Bruno Wille organisierten Dichter- und Komponisten-Abend vom 30. Januar 1898 zu verstehen: er begleitete Helene Lieban-Globig in fünf seiner Lieder auf Texte von Paul Nikolaus Cossmann, Paul Heyse und James Grun aus op. 5, 6 und 7. Später, in den Jahren 1905 und 1906, fungierte Pfitzner auch als Begleiter eigener Lieder in Konzerten in der Singakademie mit den Solisten Helene Staegemann (1877-1923; ihr war das Lied „An die Bienen“ gewidmet) und Anton Sistermans.

Max Reinhardt wurde von Otto Brahm 1894 als Schauspieler an das „Deutsche Theater“ engagiert, wo er bis Anfang 1903 blieb. Dann führte er die Vereinigten Bühnen des „Kleinen Theaters“ Unter den Linden 44 und des „Neuen Theaters“ am Schiffbauerdamm 5, wo seine Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ Anfang 1905 einen sensationellen Erfolg hatte. Für die Eröffnung des „Deutschen Theaters“ unter seiner Direktion am 19. Oktober 1905 beauftragte er Pfitzner mit der Komposition einer Schauspielmusik zu Kleists „Käthchen von Heilbronn“; Pfitzner dirigierte sie in der Première. Diese erste Inszenierung Reinhardts im neuen Hause in den Bühnenbildern von Karl Walser erwies sich allerdings nicht als sehr publikumswirksam. Erst mit Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ am 9. November 1905 mit der Musik von Engelbert Humperdinck erzielte Reinhardt einen großen Erfolg; für weitere Bühnenmusiken tat sich Reinhardt dann mit Humperdinck zusammen, zumal Pfitzner bald Berlin verließ. So blieb es bei diesem einzigen Auftrag für eine Schauspielmusik, den Pfitzner je erhielt.

Autor: Walter Keller